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| Samstag, 7. Februar 2004 | ||||
Quelleninterpretation zum Thema „Die weiße Bewegung im russischen Bürgerkrieg“Quelle aus: Klokova, Galina Vasil'evna (Hrsg.): Istorija otečestva v dokumentach 1917-1993 gg.. Čast' pervaja 1917-1920 gg.. Chrestomatija dl'a učašichs'a staršich klassov srednej školy. Moskva 1994. S. 148f. Übersetzung der Quelle:
109. Aus einem Brief von B. V. Savinkov an General Vrangel' Paris, 4. September 1920 Aus Material des Revolutionsmuseums.
(1) Quellenbeschreibung:
Fundort dieser Quelle ist ein russisches Lehrbuch für die höheren Klassen der Mittelschule, das wiederum ich der Bibliothek des historischen Seminars der Uni Hamburg entnommen habe (Signatur hit 505 1a 9 OST). Das vierbändige Lehrbuch beschäftigt sich mit der sowjetischen bzw. russischen Geschichte zwischen 1917 und 1993 anhand verschiedener Quellen. Ein Kapitel des ersten Bandes widmet sich dem Bürgerkrieg aus der Sicht sowohl der „weißen“ und der „roten“ Bürgerkriegspartei(en) [Graždanskaja vojna glazami «belych» i «krasnych»]. In diesem befindet sich, neben anderen themenbezüglichen Texten, auch der nun zu beschreibende. Die Übersetzung stammt von mir. Äußere Kritik: Bei der zu beschreibenden Quelle handelt es sich um den Abdruck eines Briefes aus dem Pariser Exil von Savinkov, eines aktiven Gegners der Oktoberrevolution an General Vrangel', einer der Schlüsselfiguren der „Weißen Bewegung“ in russischer Sprache. Entstehungsdatum ist der 4. September 1920, wie es explizit angegeben wird. Die Autentizität des Abdrucks ist leider nicht verifizierbar, das Original befindet sich im ehemaligen Archiv des Revolutionsmuseums in Moskau. Außerdem handelt es sich, wie von der Herausgeberin des Lehrbuchs angegeben, nur um Auszüge, wobei nicht zweifelsfrei klar wird, an welchen Stellen Passagen des Textes entfernt wurden, wahrscheinlich aber dort, wo drei grammatikalische Punkte einen nicht zuende geführten Gedankengang andeuten. Innere Kritik: (a) Sprachliche Aufschlüsselung:
(2) Quelleninterpretation: (a) Inhaltsangabe der Quelle: Savinkov wünscht General Vrangel' aus seinem Pariser Exil Erfolg bei der Bekämpfung der Bol'ševiki und spricht ihm sein Vertrauen im Namen aller russischen Patrioten aus, die aus allen politischen Lagern kämen. Er hofft, dass sein Adressat aus den Fehlern Denikins lerne. Er behauptet, dass es ein Zurück in den Zarismus nicht geben könne und geben würde. Außerdem stellt er fest, dass es ein demokratisches Russland nur geben könne, wenn eine konstituierende Versammlung dies initiiere. Er behauptet, die russischen Patrioten glaubten an ein bürgerliches und friedliches Russland. (b) Eingrenzung des Aussagebereichs: Der Schriftsteller und Sozialrevolutionär Savinkov wendet sich mit ermutigenden Worten an den neuen Kommandeur der südrussischen Freiwilligenarmee Vrangel', der seinerseits kurz zuvor dieses Amt vom exilierten Denikin übernommen hat. Sowohl Savinkov als auch Vrangel' waren unter Denikin in der Zeit von 1918 bis 1920 zwei der Führungspersönlichkeiten der südrussischen Freiwilligenarmee, in der sich Gegner fast jeder politischen Couleur und gesellschaftlicher Stellung gegen die Bol'ševiki sammelten, interessanterweise auch Monarchisten, obwohl die Führung der Freiwilligenarmee eine Wiederherstellung der Monarchie kategorisch ablehnten. Es ging allen in der Armee vordergründig um den Sturz der Bol'ševiki, eine Konstituante sollte erst nach einem Sieg stattfinden - ein kleinster gemeinsamer Nenner. In der Zeit der sogenannten Denikinšcina versuchte Denikin sich an einer vorübergehenden Bildung eines Staatswesens, die an der Unterschätzung von zivilen Dringlichkeiten und an der Überschätzung der Möglichkeiten einer Armee zum Scheitern verurteilt war. So wurden nach einiger Zeit im Einflussbereich der Freiwilligenarmee Ministerien gegründet, dass jedoch kein Kriegsministerium gegründet wurde, also die Armee über einem neuen Staatsgebilde anzusiedeln oder es von der restlichen Politik abzukoppeln, lässt eindeutig auf solch eine Selbstüberschätzung schließen. Schließlich war die Freiwilligenarmee im Grunde auch noch auf eine Duldung der Kosaken am Don und Kuban' angewiesen. Die Denikinšcina wurde von den Bol'ševiki stets, und wohl nicht zu Unrecht, als ein Terrorregime dargestellt, wie uns auch einschlägige sowjetische Quellen berichten. Mit der militärischen Niederlage Denikins Mitte 1920 und somit kurz vor Verfassung der zu analysierenden Quelle, war man in Russland und darüber hinaus der Meinung, dass sich die konterrevolutionären Kräfte von diesem nicht Schlag nicht wieder erholen könnten. Vrangel' hingegen konnte trotz mangelnder militärischer und politischer Erfahrung das Ruder abermals kurze Zeit herumreißen. Er verschanzte sich auf der Krim und schuf dort das Regime der sogenannten Vrangel'evščina. Nichts sollte an die Verbrechen der „denikinschen Raubarmee“ (grabarmija) unter der Zivilbevölkerung mehr erinnern und die Krim sollte „wie ein Magnet“ als ein Beispiel freiheitlicher Gegebenheiten in Russland die Menschen anderer Landesteile zum Überlauf bringen. Um dies zu erreichen, griff Vrangel' entschieden in der Armee durch und stellte die zivile Politik zunehmend in den Vordergrund und die innere Situation begann sich zu konsolidieren. Dennoch stand Vrangel' mit seiner Strategie auf verlorenem Posten. Die mittlerweile militärisch völlig überlegene Rote Armee überrannte die Krim letztendlich doch, nicht ohne ein Blutbad unter ihren Feinden anzurichten.
(c) Ergebnis und Zusammenfassung: Savinkov steht, als er den Brief verfasst, offensichtlich unter dem Eindruck der Niederlage Denikins, die, wie bereits erwähnt, zu jener Zeit national und international als eine schwere, wenn nicht gar als die endgültige Niederlage gegenüber den Bol'ševiki angesehen wurde. Er appelliert in dem Schreiben an Vrangel' aus den Fehlern Denikins zu lernen, dem Terror unter der Zivilbevölkerung Einhalt zu gebieten und darüber hinaus das Hauptziel der Freiwilligenarmee, namentlich die Konstituante im Sinne der Vorstellungen der Februarrevolution nicht aus den Augen zu verlieren. Der Unterton des Briefes ist drängender Natur, der Verfasser spart nicht mit rhetorischer, gar pathetischer Würze. Mit der Analysierung dieses Briefes können die von mir in der Problematisierung zum Thema „Weiße Bewegung“ aufgeworfenen Fragen leider nur partiell beantwortet werden. Zwar habe ich einiges über die Zielsetzung einer antibolschewistischen „Fraktion“ - die der südrussischen Freiwilligenarmee - in Erfahrung bringen können, beispielsweise ihre verschiedenen Strategien zu verschiedenen Zeiten. Dennoch bleiben die Zielsetzungen anderer Widerstandsgruppen, etwa im Norden Russlands oder in Sibirien, ebenso wie die Rolle ausländischer Intervention, völlig ausgeklammert. Im Rahmen meines Interesses für die sogenannte „Denikinščina“ konnte ich mir zumindest oberflächlich ein Bild über die Zustände in der Zivilbevölkerung unter „weißer“ Herrschaft in den südlichen Teilen Russlands machen. Trotz (oder gar wegen?) meiner weitgesteckten Problematisierung konnte ich einen guten Einblick in zumindest eine der Widerstandsbewegungen bekommen und mir ein Bild über Strategien, Zwänge, Notwendigkeiten politischer und gesellschaftlicher Natur dieser Zeit und dieser Situation machen. (3) Bibliographie
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