Rezension: Die Weiße Bewegung in Russland
Saturday, 07 February 2004 02:00
No translation available for this article. Now showing the original text.Katzer, Nikolaus: Die Weiße Bewegung in Russland. Herrschaftsbildung, praktische Politik und politische Programmatik im Bürgerkrieg. Köln u.a. 1999
Der Bürgerkrieg, der in Russland dem Oktoberumsturz 1917 folgte und bis etwa 1921 andauerte, wurde und wird oftmals mit einem einem Krieg zwischen zwei mehr oder weniger homogenen Parteien angesehen. Er sei ein Krieg zwischen den Bol’ševiki und ihrer Gegner zu begreifen, in dessen Ergebnis die Formel „Rot schlägt Weiß“ zum Tragen komme. Erst seit einiger Zeit wendet sich im Westen und in der ehemaligen Sowjetunion die Geschichtsschreibung vermehrt einer differenzierteren Sicht auf die Bürgerkriegsparteien zu, begünstigt durch den Wegfall von polarisierenden politisch-ideologischen Umständen. Dass die „Weiße Bewegung“, im Gegensatz zu den Bol’ševiki, vielmehr als ein facettenreiches Konglomerat verschiedenster sozialer und politischer Gruppen zu verstehen ist, dessen Zielsetzungen zum Teil völlig zuwiederliefen, ist zentraler Ausgangspunkt des Buches.
In der Einleitung thematisiert Katzer den durchaus schwammigen Begriff der „Weißen Bewegung“ und richtet das Augenmerk auf die damalige sowjetische und auf die heutige westliche und internationale Bürgerkriegsforschung.
In den fünf folgenden Kapiteln behandelt Katzer verschiedene Aspekte des „weißen“ Antibolschewismus. Im ersten Kapitel werden die politische Kräfte Russlands, wie die Parteien, Institutionen, soziale Gruppierungen etc. in ihren Fuktionen kurz vor der Oktoberrevolution vorgestellt. Der darauf folgende und umfangreichste Teil widmet sich den antibolschewistischen Bürgerkriegsparteien. Im dritten Teil werden die Herrschaftsmethoden auf nichtbolschewistischer Seite analysiert, wie etwa der „Weiße Terror“, der Propaganda und der Regierungspraxis. Das vierte Kapitel gibt politische Gegenentwürfe zur bolschewistischen Ideologie, Staatsidee etc. wieder, die von verschiedenen Seiten im „weißen“ Lager erstellt wurden. Im letzen Kapitel stellt Katzer die russische Emigration nach dem Ende des Bürgerkriegs dar, wohl nicht zuletzt, weil er hier einen imensen Bestand an nichtbolschewistischer Quellen findet, aber auch, um anzuzeigen, dass sie als Forschungsobjekt bislang vernachlässigt wurde. Hinweise auf von der Historiographie noch nicht ausreichend bearbeitete Felder durchziehen das Buch wie ein roter Faden, was in Hinsicht auf die weitere Forschung als durchaus positiv zu bewerten ist.
Im Schlussteil bündelt Katzer die Ergebnisse seiner Arbeit in sechs Punkten. So könne man etwa den russischen Antibolschewismus in vier Phasen unterteilen, wobei die erste Phase mit mit den Ereignissen im Oktober 1917 zuende gegangen sei. Die zweite Phase sei noch von der Hoffnung geprägt gewesen, eine spontane Erhebung der Bevölkerung könne die Bol’ševiki stürzen. Ab Herbst 1918, als sich die Hoffnungen einer schnellen Beseitigung der Bol’ševiki begruben, schlug, so Katzer, „die Stunde der Kadeten“. Die Liberalen seien zu jener Zeit an allen wichtigen nichtbolschewistischen Regierungsbildungen beteiligt gewesen. In der letzten Phase sei es zunehmend zu Schreckensregimen einzelner warlords an der Peripherie des Reiches gekommen. Erst nach dieser Zeit der Wirren habe sich im Exil ein „idealtypischer Mythos einer ,weißen Sache’“ entwickelt. Programmatisch habe es von Anfang an keine Einheit bei den Gegnern der Bol’ševiki gegeben, Antibolschewismus, Patriotismus und großrussischer Nationalismus habe als „kleinster gemeinsamer Nenner“ herhalten müssen. Ein Vorteil der Bol’ševiki sei außerdem gewesen, daß sie ihre Armee nur als Arm einer Zivilregierung ansahen, im weißen Lager eine solche Regierung jedoch in der Praxis aufgrund der nicht bestehenden Einheit der Macht nicht bestanden habe, die weißen Armeen vielmehr ihrerseits zivile Aufgaben verrichten mußten, was die Entstehung von Militärdiktaturen eindeutig gefördert habe.
Katzers Abhandlung wird durch eine umfangreiche Bibliographie, einem großen Anmerkungsapparat, einem Personenregister und durch verschiedene Karten abgerundet. Bereits in der Einleitung stellt sich heraus, daß der Autor sich vieler bisher vernachlässigter Quellen bediente, besonders die der russischen Emigration. In Rußland konnte Katzer auf bisher noch nicht bearbeitete Quellen aus neu geöffneten Archiven und Privatsammlungen zurückgreifen, was sicherlich für die Aktualität seines Werkes in der Forschung spricht. Desweiteren zog er verschiedene Quellen in den USA, in Deutschland und in den verschiedenen zentralen Archiven Moskaus für seine Arbeit heran. Katzers Untersuchung stellt eine überaus detailierte Bearbeitung der Geschichte der „weißen Bewegung“ über die Zeit vor, während und nach dem russischen Bürgerkrieg dar. Sie betrachtet durchaus nachvollziehbar den Antibolschewismus in verschiedenen Aspekten und geht darüber hinaus, indem sie die Rolle der Intelligencija thematisiert
Leider scheinen andere antibolschewistische Gruppierungen wie etwa die der „schwarzen“, anarchistischen Bewegungen oder aber die „Grünen“ für Katzer nicht in die Untersuchung zu passen, sie werden nicht eingehend bearbeitet.
Von Interesse kann das Werk trotz seines Titels sicher auch für diejenigen sein, die sich der Problematik des russischen Bürgerkriegs unter anderen Aspekten annähern wollen, da „die Weißen“ stets vor dem Hintergrund des bolschewistischen Gegners, aber auch der Februar- und Oktoberrevolution und des Weltkriegs beschrieben werden.
Martin Podolak, Hamburg
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