Печать / PDF

Man hört und liest es immer wieder allerorts in Altona: "Altona war mal dänisch" oder "hat zu Dänemark gehört." Manche versteigen sich gar gelegentlich zur (vielleicht auch nicht ganz ernst gemeinten) Forderung, Altona solle "zurück zu Dänemark" - viele kennen sicherlich die entsprechenden Aufkleber.

Auf die Gefahr hin, den einen oder die andere ein wenig zu enttäuschen, möchte im nun Folgenden mit diesem Mythos aufräumen. Altona war nämlich nie dänisch, weder rechtlich, politisch noch kulturell. Sicherlich hat die Dänemarks Politik und Wirtschaft über drei Jahrhunderte einen großen Einfluss auf Altona und seine holsteinischen Nachbargemeinden gehabt, dennoch war Altona immer ein deutscher Ort.

Die staatsrechtliche Perspektive

Aber der Reihe nach: Die Ländereien, auf denen Altona gegründet wurde, gehörten seit 1290 zur Grafschaft Hostein-Schauenburg, seit ehedem Teil des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Die Grafschaft fiel 1640 an das Herzogtum Holstein, das ebenso wie alle anderen Gebiete südlich der Eider, deutsches Reichslehen war. In Holstein nun regierte der dänische König seit 1460 in seiner Funktion als deutscher Reichsfürst.

Daraus aber nun zu folgern, Altona sei dänisch gewesen, wäre genauso falsch, wie beispielsweise anzunehmen, Großbritannien habe zu Hannover gehört. Man könnte dann behaupten, England sei ein Teil des Kurfürstentums Hannovers geworden, als der Hannoversche Kurfürst im 18. Jahrhundert die englische Krone erbte. Wir halten fest: Wenn eine Person gleichzeitig sowohl König des einen, als auch Landesfürst des anderen Landes ist, bedeutet dies nicht, dass diese beiden Länder automatisch zu einem Land werden.

Rechtlich hätte Altona nur zwischen 1806 und 1815 von Dänemark annektiert werden können, da das Heilige Römische Reich Deutscher Nation untergegangen war und der Deutsche Bund noch nicht bestand, es also in jenen Jahren gar kein "Deutschland" gab. Holstein und somit Altona wurde damals aber nicht ins dänische Reich integriert, wobei es im 18. und 19. Jahrhundert von Seiten der dänischen Regierung aber durchaus immer wieder Bestrebungen gab, sich Holstein einzuverleiben. Zu dieser Zeit war Dänemark eine imperialistische Großmacht mit überseeischen Kolonien, Sklavenhandel und allem, was dazugehörte, weshalb Altona heutzutage auch in Dänemark gelegentlich fälschlicherweise als eine ehemalige "dänische Kolonie in Deutschland" (zuletzt im Film Die Königin und der Leibarzt / En kongelig affære - DK 2012) oder als dänische Stadt dargestellt wird.

Politisch

Holstein wurde von Kopenhagen aus gesondert durch die Deutsche Kanzlei verwaltet (heute beherbergt das Gebäude übrigens das Finanzministerium), wobei Dänemarks damalige absolutistische Monarchie zunehmend danach strebte, alle ihr untertänigen Gebiete im sogennanten Dänischen Gesamtstaat źusammenzuführen. Dies versuchte sie zuletzt etwa dadurch, Regierung und Verwaltung Holsteins und Dänemarks zusammenzulegen und damit beispielsweise Dänisch zur Amtssprache in Altona zu machen.

Dieses Vorhaben stieß aber bei den deutschen Staaten auf Missgunst, weshalb Preußen und Österreich im deutsch-dänischen Krieg von 1864, von dem die Soldatengräber im Wohlers Park noch heute zeugen, die dänischen Großmachtsträume beendeten. In diesem Jahr fiel Schleswig-Holstein, also auch Altona, endgültig an Preußen, und Dänemark verabschiedete sich für immer vom territorialen Imperialismus (an einen ähnlichen Punkt kam Deutschland erst gut 80 Jahre später). Das Jahr 1864 gilt in Dänemark bis heute als einer der großen Wendepunkte der dänischen Geschichte und die damaligen Geschehnisse wurden über Generationen als nationales Trauma wahrgenommen.

Kulturell

Amts- und Verkehrssprache war Deutsch - zunächst Niederdeutsch, wie die Stadtprivilegien von 1640 bezeugen, später zunehmend auch Hochdeutsch. Davon zeugt unter Anderem das damals in Altona äußerst reiche Verlags- und Zeitungswesen. Umgangssprache war also "Plattdeutsch", die Bevölkerung war deutsch gesinnt, falls man sich nicht einfach nur als Altonaer oder Holsteiner sah.

Altona hat sicher viele Einflüsse von Dänemarks Seite bekommen, die Stadt wurde durch die Stadtrechte und -privilegien reich, man gründete eine Oberschule, es wurde viel gebaut, die Eisenbahn kam. Zudem war Altona im Vergleich zu den anderen deutschen Staaten äußerst liberal, es herrschte Glaubensfreiheit und eine nur lockerere Zensur, viele Verfolgte wie etwa Mennoniten aus den Niederlanden oder portugiesische Juden fanden hier Zuflucht.

Diese Toleranz war aber kein dänischer Einfluss, denn zu der Zeit war Dänemark ein militaristischer und absolutistischer, illiberaler Staat, der die Handels- und Hafenstadt Altona nicht zuletzt für sein Kolonialimperium brauchte. Altona war durchaus ein sehr liberaler Ort, aber nicht nur im Vergleich mit den anderen deutschen Staaten, sondern auch im Unterschied zu den Verhältnissen in Dänemark.

Heute

Die lockere Atmosphäre im heutigen Altona kann jedenfalls nicht als ein kultureller Einfluss des damaligen Dänemarks gedeutet werden. Altona ist viel mehr durch die Industrialisierung, die Arbeiterbewegung ("Rotes Altona"), durch Migration und seine postindustrielle Entwicklung geprägt als beispielsweise durch die südliche Fassade am Rathaus, die vom alten Bahnhof noch übrig ist.

Der Mythos des dänischen Altona baut auf einer Romantisierung Dänemarks als eine tolerante und offene Nation, in der vermeintlich alles irgendwie entspannter, sozialer und lockerer zugeht als in Deutschland, wobei Altona zu Unrecht mithilfe falsch interpretierter Geschichte positiv verklärt wird.

Im Hinblick auf die tatsächlichen Verhältnisse in Dänemark, wie auf das Gesundheitssystem, die Ausländerpolitik, den Rassismus, den Abbau des Sozialstaats usw. usf. kann ich nur sagen, dass wir in Deutschland einem Dänemarkbild nachhängen, das der Wirklichkeit nicht entspricht, dänische Hygge und Glücklichkeitsstudien hin oder her. Aber das ist ein anderes Thema.

Kommentare, auch kritische, sind willkommen und werden nach Rücksprache hier veröffentlicht.

© 2006-2019 Мартин Подолак. Все права защищены.
Вверх